Fritz Pölking

Die Freude am Echten

Wenn man ein Produkt auf den Markt bringt, das nicht der Erwartungshaltung des Käufers entspricht, muß man dies deklarieren. Sagt der Gesetzgeber.

Wer etwa Butter herstellt, aber nicht Milch nimmt, sondern andere Zutaten, muß das Ergebnis 'Margarine' nennen.

Wer Marzipan herstellt, aber keine Mandeln nimmt sondern Pfirsichkerne, muß das Ergebnis 'Persipan' nennen.

Wenn man Champagner herstellt außerhalb der Champagne, dann darf man diesen Schaumwein nicht Champagner, sondern muß ihn Sekt nennen.

Wer eine erfundene Geschichte veröffentlicht, nennt das Ergebnis 'Roman', aber nicht Sachbuch.

Wer sie als Film veröffentlicht, nennt es Spielfilm, aber nicht Dokumentarfilm.

In der Naturfotografie gibt es bis heute keine Deklarationspflicht.

Ich kann einen zahmen Bären in der Wyoming-Landschaft Männchen machen lassen und das Bild davon einfach so veröffentlichen, und die Leute glauben lassen, es wäre eine Naturaufnahme aus dem Yellowstone.

Ich kann Fütterungsanlagen aufbauen und da kämpfende Tiere fotografieren und die Leute glauben lassen, das wäre so in der unberührten Natur passiert.

Nun ist die Naturfotografie wohl nicht so wichtig, als das der Gesetzgeber eine Deklarationspflicht vorschreibt zwischen wirklichen, arrangierten oder erfundenen Naturaufnahmen.

Aber wir können uns ja ohne weiteres auf den Standpunkt stellen: 'Offenheit  ist unser Beitrag zum zivilisatorischen Mindeststandard' und eine eigene Deklaration freiwillig einführen.

Echte Naturaufnahmen sind die, wo der Fotograf in keiner Weise in das Motiv eingegriffen hat. Die Premiumklasse der Naturfotografie. Sie bringt die 'Freude am Echten'.

Arrangierte Naturaufnahmen sind die, wo der Fotograf eingreift, mit Futter arbeitet, mit Lockmitteln (Tonband, Rufe, Geräusche usw.). Wo er Zweige und Blätter entfernt oder zufügt, wo er Landeäste anbringt (etwa an der Winterfütterung, bei Bienenfressern) usw.
Jeder kennt ja alle die hübschen Fotos von Bächen usw., mit malerisch vom Fotografen drapierten bunten Herbstblättern auf den Steinen im und am Rande des Baches, wo man ganz deutlich erkennen kann, das die niemals in Wirklichkeit dort gelegen haben. 
Oder wenn ich etwa in einem Artikel über 'Gleiter' in der Zeitschrift National Geographic das Foto einer Schlange sehen, die sich aus einem hohen Baum zur Erde hinabgleiten läßt, dann wüßte ich schon gerne, ob die freiwillig durch die Luft fliegt und die Haltung der Schlange auf dem Foto eine natürliche ist, oder ob der Fotograf sie für dieses Foto zehnmal in die Luft geworfen hat, und das Foto eigentlich die Haltung einer geworfenen Schlange zeigt.
Früher hieß es ja für die Journalisten und Fotografen von National Geographic 'Nicht bezahlen, nicht eingreifen'. Ich wüßte schon gerne, ob das immer noch gilt. Am überzeugendsten kann man das natürlich durch einen klaren Vermerk am Bild dokumentieren.

Erfundene Naturaufnahmen sind welche, wo der Fotograf Doppelbelichtungen macht, zwei Dias zusammenkopiert, und natürlich die ganzen digitalen Kunstprodukte, wo man störende Details mit dem digitalen Retuschepinsel entfernt, ein Tier fünfmal auf ein Bild kopiert usw.).

Wir Naturfotografen können nun sagen - wenn wir wollen: Das dritte Jahrtausend wird das Jahrtausend der eindeutigen Naturfotografie, und ab 2001 kennzeichnen wir ganz klar den Status einer Naturaufnahme.

Mein Vorschlag wäre:     

Immer wenn der Naturfotograf in keiner Weise in das Motiv eingegriffen hat, auf das Etikett des Diarahmens anzugeben:

- Ein Naturdokument - nicht arrangiert oder manipuliert
(A nature document - not arranged nor manipulated).

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Bei allen Aufnahmen von freilebenden Tieren und Pflanzen sowie Landschaften, wo der Fotograf eingreift, mit Futter oder Lockmitteln, Tiere zu fotogenen Plätzen dirigiert oder umsetzt, mit Rufen oder Geräuschen arbeitet, Zweige und Blätter entfernt oder zufügt usw., diese Motive kennzeichnen mit

 ‚- Wild und kontrolliert
(wild and controlled).

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Für alle Aufnahmen von zahmen oder gefangenen Tieren die internationale Bezeichnung

ƒ- Captive

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Bei allen Aufnahmen, die nicht durch eine Belichtung in der Kamera entstanden sind, also
Doppelbelichtungen, Sandwiches, digital veränderte oder geschaffene Bilder angeben:

„- Montage

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Die GDT (Gesellschaft Deutscher Tierfotografen) und die NANPA (Nordamerikanische Naturfotografen Vereinigung) haben in dankenswerter Weise vor einigen Jahren einen Anfang gemacht, und  Richtlinien herausgegeben, die aber doch inzwischen überarbeitet werden sollten.

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Hier ein Beispiel:

Fliegenpilz                                            Frosch und Fliegenpilz‚

Links das Naturdokument, so sieht es draußen in der Natur wirklich aus.

Rechts das Ergebnis, nachdem der Fotograf eingegriffen hat. Es sieht zwar auch nach einer Naturaufnahme aus, zeigt aber in Wirklichkeit nur eine Scheinwelt, die eigentlich nicht existiert. Es ist sozusagen ein 'Potemkisches Dorf'.
Wenn ich jetzt noch eine Gießkanne darüber halte, und heftigen Regen simuliere, bekomme ich das perfekte 'Naturfoto' um Wettbewerbe zu gewinnen.
 
Sollte man so etwas
undeklariert  anbieten? 

Wenn wir die Natur 'verbessern', dann fotografieren wir sie nicht wie sie ist, sondern so, wie wir möchten das sie ist. Hat der Bildbetrachter ein Recht darauf, dies zu erfahren?

Eine weitere interessante Frage ist: Was macht es eigentlich für einen Sinn, ein Bild zu fotografieren, das es in der Natur ohne unser Eingreifen nicht gegeben hätte?

Die Naturfotografie ist ein eigenständiges Medium und eine eigenständige Kunstform. Nichts kann sich mit ihr vergleichen, nichts kommt ihr nahe und nichts kann sie ersetzen - wenn sie ehrlich ist und bei sich selbst bleibt.

Wenn sie manipuliert, arrangiert oder digital verändert, wird sie austauschbar.

Denn verändern und arrangieren kann und tut jeder Maler und Zeichner. Darum interessiert sich auch niemand für gemalte Naturbilder. Weil jeder weiß, so wie der Maler es darstellt, war es mit Sicherheit in Wirklichkeit nicht.

Darum sieht man in führenden Naturzeitschriften auch zu 99 % nur Naturfotos, und keine gemalten oder digital geschaffenen Bilder, weil die Menschen - wenn sie informiert werden - eigentlich keine erfundenen Bilder sehen wollen, sondern echte, die zeigen, wie es wirklich war und ist.

Als Naturdokument ist die Naturfotografie einmalig. Sie kann, was kein anderes Medium kann und keine andere Kunstform: Sie kann den wirklichen Moment in der Natur festhalten. Wir sollten diese Einmaligkeit nicht verschenken, in dem wir unglaubwürdig werden, wenn wir echte Naturaufnahmen, arrangierte oder im Computer geschaffene alle in einen Topf werfen, ohne klar zu sagen, was echte Naturfotografie und was Substitut-Naturfotografie ist.

Letztlich aber werden nicht Naturfotografen, sondern Bildredakteure und Lektoren entscheiden, ob es eine Kennzeichnung gibt oder nicht.
Nur wenn diese ihren Lesern gegenüber die Verantwortung empfinden, über den Status einer Abbildung zu informieren, und deshalb von den Fotografen eine Kennzeichnung verlangen, wird sich diese - langfristig gesehen - durchsetzen.

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